Landeseissportverbände


Seit Anfang Mai ist Nicole Brünner die neue DEU-Bundesnachwuchstrainerin für Einzellaufen. Die 54-Jährige war zuvor fast fünf Jahre als Assistenz der langjährigen Bundesnachwuchstrainerin Ilona Schindler umfassend auf die verantwortungsvolle Aufgabe vorbereitet worden. Im Interview spricht Nicole Brünner über Zukunftsprojekte, die Zusammenarbeit mit Sportler*innen und Heimtrainer*innen sowie die Ziele für kommende Junioren-Weltmeisterschaften.

Nicole Brünner, Sie haben als Assistenz von Ilona Schindler in den letzten Jahren sicher viel für Ihre neue Position mitnehmen können. Was haben Sie in dieser Zeit gelernt und übernommen?

Nicole Brünner:
Das waren sehr gute Jahre, in denen mich Ilona auf sehr Vieles vorbereitet hat. Sie hat ein sehr umfangreiches Wissen über die Jahre gesammelt und immer einen Schritt weitergedacht. Ich habe so viel von ihr gelernt und erfahren, was mir den Start sehr erleichtert hat. Jetzt löse ich die Aufgaben in meiner eigenen Verantwortung.

Eines ihrer aktuellen Themen ist das Dreifach-Axel-Projekt, das vergangenes Jahr im Februar in Oberstdorf gestartet ist und zu dem kürzlich in Berlin zwei weitere Lehrgänge mit sieben Junioren stattfanden. Wie waren Ihre Eindrücke?

Nicole Brünner:
Die Lehrgänge liefen alle sehr harmonisch und haben gut funktioniert. Die Jungs-Truppe ist toll, weil sie sich gegenseitig zieht und die intrinsische Motivation sehr hoch ist. Wir haben in dem Projekt neben dem Dreifach-Axel auch die Schwerpunkte Vierfach-Salchow und Vierfach-Toeloop mit methodischen Übungen, Reihen und Lernstationen gelegt. Die Berliner Sportler sind schon nah dran, den Dreifach-Axel zu stehen, aber auch die anderen Teilnehmer haben gute Ansätze gezeigt und waren beim Vierfach-Toeloop-Versuch auf einem guten Weg. Wir haben den Sportlern ans Herz gelegt, die Übungen zuhause im Training einzubinden, um für die Sprünge präpariert zu sein. Durch diese Fokussierung könnte es bei einigen in dieser Saison mit dem Dreifach-Axel schon klappen. Schön war, dass auch Heimtrainer*innen meist dabei waren.

Das Projekt wird im Laufe des Jahres weitergeführt, ist es auch angedacht Juniorinnen einzubinden?

Nicole Brünner:
Im nächsten Abschnitt ist geplant, ein Mädchen zur Jungs-Gruppe hinzuzunehmen. Wir werden unter anderem beim Testlaufen der Junior*innen sehen, inwieweit die Mädels dafür schon bereit sind. Im Februar 2025 möchte ich dann ein ähnliches Projekt für Mädchen mit dem Schwerpunkt Dreifach-Dreifach-Kombinationen starten.

Neben diesen neuen kleineren Lerngruppen, die fokussiert auf ein Ziel hinarbeiten, möchten Sie den großen DEU-Nachwuchs-Lehrgang im Mai mit internationalen Trainer*innen und Expert*innen in den nächsten Jahren fortführen, um den Sportler*innen immer wieder neuen Input zu geben. Als weiteren Schwerpunkt Ihrer Arbeit werden Sie verstärkt an die Bundesstützpunkte gehen…

Nicole Brünner:
Ich versuche die Heimtrainer*innen und Sportler*innen so oft wie möglich an den Bundesstützpunkten zu treffen, um dort im On- und Off-Ice-Bereich mit ihnen in den Austausch zu treten. Ich möchte weiterhin vermitteln, wie wichtig die Grundlagen Skating Skills und Athletik für die Verletzungsprophylaxe und das Erlernen der Höchstschwierigkeiten sind. Eine gemeinsame Entwicklung der Sportler*innen mit den Heimtrainer*innen steht hier im Fokus. Meine Aufgabe ist es, ihnen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen und sie zu unterstützen. Es soll ein Miteinander werden, bei dem jeder vom Anderen profitiert. Eine positive Energie zwischen den Trainer*innen wirkt sich immer positiv auf die Sportler*innen aus. Mir macht die Zusammenarbeit sehr viel Freude, gegenseitige Wertschätzung und respektvoller Umgang ist mir dabei sehr wichtig.

Vor Ihrer Zeit als Bundesnachwuchstrainerin haben Sie in Regensburg zusammen mit Ihrem Mann Ferdinand Dedovich als eine der erfahrensten und erfolgreichsten Nachwuchstrainerinnen viele Landes- und Bundeskadersportler*innen ausgebildet. Zwei Ihrer Läuferinnen – Ann-Christin Marold und Maria Herceg – schafften den Sprung zu den Junioren-Weltmeisterschaften. Was ist und war Ihre ganz persönliche Motivation?

Nicole Brünner:
Mein Slogan ist „Geht nicht, gibt’s nicht!“ Man kann unter schwierigsten Bedingungen viel erreichen, man muss es nur geschickt und klug anstellen und lösungsorientiert arbeiten. Mit dieser Einstellung möchte ich auch meine Aufgabe bei der DEU angehen und das auch Trainer*innen und Kolleg*innen vermitteln. Fokussiert sein, nie aufgeben, im Team arbeiten und zusammenstehen - das ist das Entscheidendste, dann kann sich etwas entwickeln.

Welche Potenziale sehen Sie aktuell bei den jungen Läufer*innen?

Nicole Brünner:
Das Potenzial ist da! Wir müssen es nur richtig kanalisieren und die Zusammenarbeit mit Trainer*innen und Sportler*innen sehr eng gestalten. Durch die Lage in der Welt kommen vermehrt internationale Läufer*innen nach Deutschland und wollen für uns starten. Das ist für alle eine neue Herausforderung, die für die in Deutschland aufgewachsenen Sportler*innen aber auch motivierend sein kann.

Wie kann es gelingen, die Talente bis in den Junioren- und Senioren-Bereich zu bringen?

Nicole Brünner:
Wir hatten viele gute Sportler*innen, die wir aus unterschiedlichsten Gründen verloren haben, diese über die Pubertät zu bringen ist für mich das Entscheidende. Es geht nicht immer darum mit zu viel Ehrgeiz, ganz vorne dabei zu sein, wenn man jung ist, sondern mit möglichst wenig Verletzungen und anhaltender Motivation bei den Senioren anzukommen. Wir möchten die Belastungsverträglichkeit erhöhen und ganzheitlich gesunde Athleten entwickeln.

Sie sind selbst Mutter eines jugendlichen Sohnes und kennen die Herausforderungen, die das Erwachsenwerden mit sich bringt. Wie gehen Sie mit den jungen Sportler*innen um?

Nicole Brünner:
Ich verlange schon viel, weil es eben Leistungssport ist. Ich möchte die jungen Sportler*innen aber auch mitnehmen und ihnen die Möglichkeit geben, sich zu entwickeln. Ich will ihnen den Weg aufzeigen und sie auf diesem Weg begleiten. Es ist eine Gratwanderung, die Jugendlichen positiv zu motivieren und trotzdem einen klaren Plan vorzugeben. Das Vertrauen in meine Person als Bundesnachwuchstrainerin ist ein sehr wichtiger Punkt bei dieser Arbeit.

Die Ergebnisse der vergangenen Junioren-Weltmeisterschaften waren nicht das, was erwartet wurde. Welche Ziele und Visionen haben Sie für die kommenden Jahre?

Nicole Brünner:
Das Ziel ist es, in der kommenden Saison bei den Junioren-Weltmeisterschaften wieder in den Einzeldisziplinen die Finals zu erreichen. Und darüber hinaus mit den Sportler*innen, die sich jetzt herauskristallisieren, in naher Zukunft den Sprung in die Top Ten zu schaffen. Die Verletzungen so gering wie möglich halten – damit alle Sportler*innen ihr Potenzial ausschöpfen können und möglichst viele von ihnen bei den Senioren ankommen und mindestens einmal ihr Ziel, an den Olympischen Spielen teilzunehmen erreichen können. Dieses Ziel ist bei den meisten jungen Sportler*innen sehr präsent. Ich will ihnen vermitteln, dass es bis dahin ein sehr langer Weg ist, auf dem es Hochs und Tiefs gibt, man ihnen immer wieder über Hürden hilft, sie zwischendrin aber auch mal bremsen und erden muss. Alles zu seiner Zeit. Es geht wie auf einer Leiter Sprosse für Sprosse nach oben, wir haben keine Rolltreppe. Die Forderungen im Leistungssport sollen angepasst dosiert sein.
 

Interview: Pamela Lechner

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