Landeseissportverbände

Die frühere Schweizer EM-Teilnehmerin und Trainerin Myriam Turgay-Leuenberger ist beim Institut für Angewandte Trainingswissenschaften (IAT) in Leipzig Fachgruppenleiterin für Eiskunstlaufen und unterstützt die Deutsche Eislauf-Union (DEU) mit ihrer wissenschaftlichen Expertise unter anderem bei Lehrgängen, Workshops, in Projekten und mit Analysen bspw. zur internationalen Konkurrenzsituation. Im Interview erzählt die 39-Jährige, die (Sport-)Physiotherapie sowie Sport- und Bewegungswissenschaften studiert hat, was gegeben sein muss, um Vierfach-Sprünge zu erlernen und wie sich das Eiskunstlaufen international entwickelt.

Myriam, welche Rolle nimmt das IAT im deutschen Sportsystem ein und in welchen Bereichen und Projekten gibt es eine partnerschaftliche Zusammenarbeit von IAT und DEU?

Myriam Turgay-Leuenberger: Das IAT begleitet Verbände im Leistungssport praxisnah und auf trainingswissenschaftlicher Basis. Klassische Aufgaben sind Forschung, Entwicklung, Wissenstransfer, wissenschaftliche Beratung bei Lehrgängen und im Trainingsalltag. Wir unterstützen die DEU bei Wettkampf- und Olympiazyklus-Analysen und zeigen Potenziale und Entwicklungen der deutschen Sportler*innen im Vergleich zur weltweiten Konkurrenz auf. Das IAT hilft in der Leistungsdiagnostik und beim Transfer von Auswertungen in die Trainingsdatenbank sowie bei Technik-Lehrgängen, Wettkämpfen und Forschungsprojekten.
 
Mit welcher Expertise kann das IAT die DEU unterstützen und welche Rolle kommt dir dabei zu?

Myriam Turgay-Leuenberger: Wir haben eine große Expertise in der Biomechanik und im wissenschaftlichen Arbeiten, sprich Statistiken, Auswertungen und Darstellungen. Unser Referat Nachwuchsleistungssport hat zum Beispiel Fact Sheets zum Sportarten-Profil und zur Kaderstruktur der DEU erstellt. Meine Expertise liegt in der Sportspezifik, der Technik im Einzellaufen, die ich auf das Paarlaufen ausweiten möchte.
 
Ein erfolgreiches Projekt ist das 3A-4fach-Projekt zum Erlernen technischer Höchstschwierigkeiten im Einzellaufen, welches du mittlerweile betreust. Was ist das Ziel des Projekts und welche positiven Auswirkungen gibt es?

Myriam Turgay-Leuenberger: Das Projekt verfolgt das Ziel, ausgewählte Nachwuchskaderathleten, die Höchstschwierigkeiten trainieren, als Gruppe gemeinsam am Dreifach-Axel und den Vierfachsprüngen arbeiten zu lassen. Das gibt Motivation und einen Flow in der Gruppe. Wir möchten die Athleten stärker im Lernprozess begleiten. Trainer*innen geben Bewegungskorrekturen und ich bringe aus biomechanischer Sicht nochmal einen anderen Blickwinkel mit rein. Wir haben zusammen Übungen erarbeitet, welche die Sportler*innen mit nach Hause nehmen. Mittlerweile haben einige den Dreifach-Axel gelernt, ein Athlet des Projekts kann schon einen Vierfachen, andere sind nah an den Vierfachen dran. Für die Athleten, die für Olympia 2030 und 2034 angedacht sind, gilt es diese Elemente weiterzuentwickeln, dann zu stabilisieren und in einer höheren Qualität zu präsentieren. Bis man diese ins Programm einbauen und stabil zeigen kann, braucht es seine Zeit.
 
Auch Athletinnen des Bundesnachwuchskaders sind zum Projekt dazugestoßen…

Myriam Turgay-Leuenberger: Am Anfang des Projekts waren nur Jungs dabei, mittlerweile sind es auch Mädels, die Dreifach-Dreifach-Kombinationen und den Dreifach-Axel trainieren. Die Gruppe wurde mit der Zeit immer größer und auch das Interesse und die Motivation sind gestiegen. Wir haben internationale Trainer*innen dazu geholt, um Input von außen zu bekommen, für die Sportler*innen und auch für uns als Lehrgangspersonal.  
 
Was sind die größten Hürden beim Erlernen von Dreifach-Axel und Vierfach-Sprüngen und wie kann man diese überwinden?

Myriam Turgay-Leuenberger: Eine der größten Hürden sind Sprünge, die nicht die besten technischen Voraussetzungen aufweisen. Für Dreifach-Axel und Vierfach-Sprünge braucht es eine sehr gute Technik, die muss nicht für alle gleich sein, die kann individuell sein. Daher muss man vielleicht nochmal einen Schritt zurückgehen und durch viele Vorübungen und Basics an der Technik feilen, um die Voraussetzungen zu schaffen, einen Vierfachen zu lernen und im Wettkampf zeigen zu können. Zur Unterstützung der Trainer*innen möchte ich in Zukunft charakteristische Bewegungstypen und Techniklösungen erforschen.  
 
Wie wichtig ist das frühzeitige Beherrschen von Dreifach-Sprüngen, um später die Vierfachen zu lernen?

Myriam Turgay-Leuenberger: Es gibt weltweit Beispiele, die beweisen, dass es nicht unbedingt erforderlich ist, alle Dreifachen bis zum Alter von 12 oder 13 Jahren zu beherrschen. Wichtig ist, dass die Grundlage stimmt. Diese kannst du nur erarbeiten, wenn du weißt, wie der Sprung am Ende aussehen soll. Es ist das, was Trainer*innen in der Ausbildung lernen: Höchstschwierigkeiten nach technischen Voraussetzungen analysieren und diese im Training aufbauen.
 
Wie kann das IAT die DEU bei der Entwicklung des Eistanzens unterstützen?

Myriam Turgay-Leuenberger: Wir bereiten Informationen der Off-Ice-Leistungsdiagnostik und Programmüberprüfung im Sommer auf, wo wir den Laktatwert untersuchen, um daraus Schlüsse über den konditionellen Zustand der Eistänzer*innen zu ziehen. Außerdem unterstützen wir bei den Wettkampfanalysen. Eisspezifisch ist eine Unterstützung in Zukunft vielleicht durch die Zusammenarbeit mit Swiss Timing möglich, so dass die Sportler*innen ähnliche Informationen von ihren Programmen erhalten, wie sie das Preisgericht bei Wettbewerben bekommt. So wissen die Eistanzpaare, auf welcher Grundlage die Preisrichter*innen eine Bewertung vornehmen.
 
Welche Trends des internationalen Spitzenniveaus zeigen sich im abgelaufenen Olympiazyklus?

Myriam Turgay-Leuenberger: In allen vier Eiskunstlauf-Disziplinen hat die Leistungsdichte seit der Saison 2022/2023 bis zu den Olympischen Spielen 2026 zugenommen, die Plätze 1 bis 10 liegen bei den Punktzahlen näher zusammen. Insgesamt kann man sich in allen Disziplinen weniger Fehler erlauben. In den Einzellaufdisziplinen hat die Anzahl der Höchstschwierigkeiten bei den Männern zugenommen, bei den Frauen sind die Anzahl von Dreifach-Lutz- und Dreifach-Dreifach-Kombinationen gestiegen. In der erweiterten Damen-Weltspitze der Top Ten sind der technische Wert, die GOEs [Ausführungsqualität der Elemente] und die Programmkomponenten angestiegen. Bei den Männern sind die GEOs leicht zurückgegangen, was auf die erhöhte Risikobereitschaft für mehr Vierfache zurückzuführen sein dürfte. Im Paarlaufen und Eistanzen haben alle Wertungsbestandteile Richtung Olympia zugenommen.
 
In welche Richtung wird sich das Eiskunstlaufen bei den Junioren und Senioren in den vier Disziplinen bis Olympia 2030 entwickeln?

Myriam Turgay-Leuenberger: Das hängt natürlich auch von den Regeländerungen ab. Im Einzellaufen sind es nunmehr sechs statt sieben Sprungelemente. Daher ist es umso wichtiger, dass alle verbleibenden Sprünge hochwertig sind. Das Niveau technischer Schwierigkeiten wird vermutlich weiter steigen und es wird mehr Wert auf die qualitative Ausführung gelegt werden. Die Gewichtung von technischer Schwierigkeit und künstlerischer Qualität könnte ausgewogener werden. Der Ausdruck ist künstlerischer und freier geworden. Im Eistanzen entwickeln sich wahrscheinlich die Hebungen weiter, so dass sie technisch anspruchsvoller und noch spektakulärer werden. Auch im Paarlaufen könnte es durch die Regeländerungen zu einem Anstieg des Schwierigkeitsgrades bei Einzelsprüngen und einer weiteren Erhöhung der Ausführungsqualität kommen. Bei den Junioren ist das Niveau in allen Disziplinen schon so hoch, dass mittelfristig ein Anstieg der Leistungsdichte bei den Senioren zu erwarten ist.
 
Welche Stellschrauben sind in den Disziplinen aus trainingswissenschaftlicher Sicht notwendig, um mit der Weltspitze konkurrieren zu können?

Myriam Turgay-Leuenberger: Wir müssen international im Austausch sein, für die Athlet*innen ein Trainingsumfeld von internationalem Niveau schaffen und uns Expert*innen aus dem Ausland nach Deutschland holen. Ein großer Pool von Athlet*innen wird benötigt, die das Potenzial mitbringen, international anschlussfähig zu sein. Man benötigt viele Trainingsjahre, bis man den Höhepunkt der Leistungsfähigkeit erreicht, darum bedarf es eines guten Belastungsmanagements. Die Entwicklung der Höchstschwierigkeiten, deren technische Voraussetzungen und Qualität, sind entscheidend sowie eine gewisse Flexibilität von Trainingsmodellen. Je höher das Niveau, desto individueller das Training. Durch das Anheben des Alters bei den Junioren im Paarlaufen und Eistanzen ist eine langfristige Trainingsplanung sehr wichtig und auch eine gewisse Stabilität von Junioren-Partnerschaften, um sich über mehrere Jahre gemeinsam zu entwickeln.
 
Welchen Beitrag kann die Zusammenarbeit von IAT und DEU in den kommenden Jahren hierzu leisten?

Myriam Turgay-Leuenberger: Wir zeigen anhand von Daten, in welche Richtungen sich die Disziplinen in der Weltspitze entwickeln. Die Kadernormen werden aufgrund der Datenlage angepasst. So leisten wir einen Beitrag dazu, dass sich junge Athlet*innen entwickeln können und die Zeit dafür bekommen. Wir wollen im Training technisch unterstützen und einen Einfluss darauf nehmen, dass sich die Lernzeit für Höchstschwierigkeiten verkürzt, und den Trainer*innen eine gute Trainingssteuerung an die Hand geben.

Eine bebilderte Web-Reportage des IAT zum 3A-4fach-Projekt lesen Sie hier

Interview: Pamela Lechner
Foto: DEU / Privat